#MeMadeMay, ein Gespräch mit der Initiatorin Zoe Edwards

Hast du schon von der #MeMadeMay-Challenge auf Instagram gehört? Es ist eine nachhaltige Initiative, die eine große Gemeinschaft rund um das Thema Nähen zusammenbringt. Gründerin Zoe Edwards vom englischen Blog http://sozowhatdoyouknow.blogspot.com/ will alle dazu anregen, im Monat Mai soweit wie möglich selbstgemachte Kleidungsstücke zu tragen. La Maison Victor hat mit Zoe gesprochen und war gespannt, welche Geschichte hinter der Kampagne steckt.

Die #MeMadeMay-Challenge ist entstanden, um Menschen zu motivieren, ein besseres Verhältnis zu ihren selbstgemachten Kleidungsstücken (genäht, gestrickt, gehäkelt …) zu bekommen. Du kannst jedes Jahr im Mai teilnehmen, in dem du dich auf der Website von Zoe registrierst. Die Idee dabei ist, dass du selbst eine für dich erreichbare Herausforderung formulierst, zum Beispiel „im Monat Mai trage ich nur meine selbstgenähten Kleider, da ich gern mehr Kleider anziehen möchte“.

Identikit:

  • Zoe Edwards
  • Stay-at-home Mum mit 2 kleinen Kindern (5 und 2)
  • arbeitet in Teilzeit in einem Online-Shop für Stoffe.
  • schreibt in ihrem Blog über das Thema Nähen http://sozowhatdoyouknow.blogspot.com/
  • Hat Schnittmuster gestaltet und produziert, diese sind in ihrem Blog erhältlich

LMV: Zoe, warum hast du angefangen zu nähen? 

Zoe: Ich habe als Kind angefangen, Dinge für meine Puppen und Teddybären zu nähen. Sowohl meine Mutter als auch meine Oma waren in verschiedenen Phasen ihres Lebens als Schneiderin tätig, daher lag bei uns immer Stoff herum und das Nähen war eine ganz „normale“ Beschäftigung. Aber eine Mutter und Oma zu haben, die beide nähen konnten, war ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite war das Nähen als eine Möglichkeit, Dinge die man haben wollte, relativ kostengünstig herzustellen (zum Beispiel Puppenkleidung, modische Outfits, ein Kleidungsstück, das man nicht im Laden finden konnte) oder bereits bestehende Dinge zu ändern oder zu reparieren, Normalität. Aber da beide ihren Lebensunterhalt mit dem Nähen verdienten, haben sie es mir nicht als kreative oder besonders erfreuliche Tätigkeit gezeigt. Während meines Modedesign-Studiums habe ich festgestellt, dass ich die technischen Aspekte (Nähen und Zuschnitt) des Vorgangs bevorzugte und dass Design etwas war, was mir nicht leicht von der Hand ging. Um den Stress aus meinem Studium abzubauen, begann ich in meiner Freizeit Stoffhandtaschen zu nähen und verkaufte sie über einige unabhängige Geschäfte in der Nähe meines Wohnortes, und ich hatte seitdem verschiedene Nebenlinien und Mini-Marken für Kleidung, Accessoires oder Kinderbekleidung.

LMV: In deinem Blog erzählst du, dass du dich bemühst, ein nachhaltigeres und authentischeres Leben zu führen. Wie hilft dir das Nähen dabei? 

Zoe: In meinen Zwanzigern habe ich in einigen Bekleidungsunternehmen mit Sitz in London gearbeitet. Das letzte war ein echtes Fast Fashion-Unternehmen, das billige Kleidung für das untere Ende der Modemeilen in rumänischen Fabriken produzierte. Zu meinem Job gehörte die Durchsicht der Testberichte für die Stoffe, so wusste ich, wie schlecht die Qualität war und wie kurz die Lebensdauer der Kleidungsstücke sein würde. Ein weiterer Aspekt dieser Arbeit war es, das gesamte Zubehör zu bestellen, das zur Herstellung eines Kleidungsstücks neben dem Stoff gehört, wie Aufhängeschlaufen, Kleidungsetiketten, Reißverschlüsse, gefärbte oder mit Stoff überzogene Knöpfe, Kleiderbügel, Plastiktüten zum Überziehen und so weiter, und ich musste immer mehr bestellen, als tatsächlich für die Herstellung des Auftrags erforderlich war, falls zusätzliche Stofflängen geliefert wurden (aus China). ICH HASSTE diese Verschwendung, zu der ich mit meiner Arbeit einen Beitrag leistete, gleichzeitig entdeckte ich aber auch die wachsende Online-Nähgemeinde. Diese Gemeinschaft schien mir eine Art, sich selbst zu kleiden anzubieten, die Spaß machte, umsichtig und kreativ war und die es mir erlaubte, mich aus der Fast Fashion-Tretmühle zu lösen (ich habe nur ein Jahr in diesem Job überlebt!). Heutzutage sehe ich, dass das Nähen eine Möglichkeit ist, Kleidung herzustellen, die wirklich zu meiner Ästhetik, meinem Lebensstil und meiner Körperform passt, auf eine Art und Weise, was Kleidung von der Stange einfach nicht kann, und dass diese selbstgemachten Artikel daher eine längere Lebensdauer haben. Ich glaube nicht, dass das Nähen den Anspruch erhebt, eine nachhaltige Aktivität zu sein, aber wenn wir Kleidung kreieren, die sehr häufig getragen werden kann, zu der wir einen tiefere Bindung als zu Kleidung von der Stange haben, dann glaube ich daran, dass es eine nachhaltigere   Option sein kann, sich selbst einzukleiden.

LMV: Wie kombinierst du dein Nähen heute mit deiner jungen Familie?

Zoe: Heute ist meine Liebe (oder meine Sucht) zum Nähen eng mit meiner Rolle als Mutter von zwei kleinen Kindern verbunden. Es gibt mir ein eigenes Leben, das von den vielen monotonen Aufgaben, die ein Elternteil zu Hause immer wieder zu erledigen hat, getrennt ist, und es ist so toll, Dinge zu schaffen, die nicht fast sofort rückgängig gemacht werden (wie der Haufen saubere Wäsche, der Stapel sauberer Teller oder der spielfreie Lounge-Teppich!). Es verschafft mir außerdem eine tiefe Befriedigung, meine Familie durch mein Nähen zu versorgen: indem ich ihnen viele der Kleidungsstücke nähe, in denen sie ihr Leben verbringen.

LMV: Warum hast du die Aktion Me Made May gestartet?

Zoe: Die erste Me Made-Challenge war tatsächlich Me Made March im Jahr 2010. Es war eine persönliche Challenge für mich um zu testen, wie weit ich kommen würde, wenn ich mich auf alle Kleidungsstücke verlasse, die ich zum Beispiel im Jahr davor genäht hatte. Ich wurde dazu inspiriert von einer Künstlerin mit dem Namen  Natalie Purschwitz, die ein Projekt mit der Bezeichnung Makeshift abgeschlossen hatte und ich wollte wissen, ob ich den Sprung ins kalte Wasser wagen und mich nur auf von mir selbstgemachte Kleidungsstücke verlassen würde. Der Monat war schwierig und kalt, aber ich habe es geschafft! Ich beschloss, es in einem wärmeren Monat (Mai) noch einmal zu versuchen, also erwähnte ich meinen Plan in meinem Blog und fragte, ob jemand etwas Ähnliches ausprobieren wolle und eine überraschende Anzahl von Blog-Lesern meldete sich an. In den nächsten Jahren hat es sich zu einem regelmäßigen jährlichen Event entwickelt.

LMV: In diesem Jahr wird es dein 10. Me Made May sein. Wie hat sich das Konzept im Laufe der Zeit weiterentwickelt? 

Zoe: Nun, es hat sich in verschiedener Hinsicht verändert und es ist enorm gewachsen. Der Sinn der Challenge bestand immer darin, die Kleidungsstücke, die wir selbst herstellen, öfter (und/oder auf neue Weise) zu tragen, mit dem Ziel, sie wirklich zu schätzen und zu akzeptieren, das heißt unsere Beziehung zu unserer handgefertigten Garderobe zu verbessern. Das ursprüngliche „trage jeden Tag ein selbstgemachtes Stück“ hat sich aber weiterentwickelt und die Menschen legen nun die Besonderheiten ihres eigenen Versprechens fest, um es herausfordernd, aber für sich selbst machbar zu machen, so dass sie das bekommen, was sie von diesem Monat brauchen.

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TEN YEARS OF ME-MADE CHALLENGES!!!!!!! So it’s the eve of #memademay2019 and I thought it’d be fun to look back at the last nine years. Each of these pics were taken during a different year’s challenge (2009 from the top left). So quick origin story: the very first challenge was actually Me-Made-March, a personal challenge I concocted back in 2009 just for myself to try. It was fun (and cold, if memory serves), so I decided to try again and asked my blog readers if anyone else wanted to have a go too. Me-Made-May was born. There were then a couple of years of multiple challenges and trying different months for the challenge (including a couple of Self-Stitched-Septembers) before settling on the annual May formula. But the point is: 10 YEARS PEOPLE!!! 10 years of this beautiful community coming together to challenge themselves and celebrate all our hard work, hard-earned skills and our passion. Here’s to a decade of awesomeness. Have a wonderful May everyone!!!! 😘😘😘 . . . . #memademay #memadeeveryday

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LMV: Auf Instagram beteiligt sich aktuell eine große Community an der Challenge.

Zoe: Tatsächlich ist es der gemeinschaftliche Aspekt der Herausforderung (d.h. die Diskussion, Unterstützung und Weitergabe von dokumentierenden Fotos, wenn die Teilnehmer sich entscheiden, sie zu machen), der sich in den letzten zehn Jahren am stärksten verändert hat. Zunächst folgten die Teilnehmer einander und kommentierten etc. ausschließlich über unsere Blogs, dann wurde eine lebendige Flickr-Community für viele Jahre zum Mittelpunkt der Interaktion. Wir haben einige Male auch Facebook und Pinterest ausprobiert, das hat aber nicht so gut funktioniert. Aber in den letzten drei Jahren oder so, hat die Mehrheit der Community-Interaktion auf Instagram über die verschiedenen Hashtags stattgefunden.

LMV: Hast du etwas Besonderes zum 10. Geburtstag geplant? 

Zoe: Seit Jahren sprachen die Teilnehmer über eine Art visuelles Tool Patches oder ähnliches, um die Teilnahme in der realen Welt zu zeigen. Endlich haben wir ein passendes Logo entworfen und Josie bei Fabric Godmother (ein in Großbritannien ansässiger Online-Stoffhändler, mit dem ich arbeite) hat mich ermutigt, Emaille-Badges produzieren zu lassen. Ich hatte beschlossen, die diesjährige Challenge irgendwie mit einer Wohltätigkeitsorganisation zu verbinden, die Mitarbeiter in der Bekleidungsindustrie unterstützt. Dies ist ein so wichtiges Thema und es kann sich so schwierig anfühlen, sich dafür einzusetzen. Als die Idee der Badges aufkam, erschien uns die Idee, 20 % der Gewinne für gemeinnützige Zwecke zu spenden, wie der perfekte Weg, Unterstützung zu zeigen.

LMV: Wie siehst du deine Näh-Aktivitäten in 5 Jahren?

Zoe: Persönlich hoffe ich, gemeinsam mit meinen Kindern an Nähprojekten zu arbeiten. Meine 5-jährige Tochter hat vor kurzem angefangen, mit der Hand zu nähen und ich beziehe sie bereits (bis zu einem gewissen Grad!) in die Entscheidungen ein, die bei der Herstellung ihrer Kleidung getroffen werden müssen. Also stelle ich mir vor, dass ich ihr (und meinem Sohn, wenn er interessiert ist) beigebracht habe, meine Nähmaschine zu benutzen und dass sie mehr an der Gestaltung ihrer Garderobe beteiligt sein wird. Was mich betrifft, habe ich in den letzten zehn Jahren keine industriell gefertigte Kleidung gekauft und ich kann mir nicht vorstellen,  nicht meine eigene Kleidung zu nähen, daher bin ich sicher, dass ich es dann noch tun werde. Ich bin sicher, immer noch über das Nähen, Nachhaltigkeit und angrenzende Themen zu bloggen.

LMV: Und was ist mit MMM? 

Zoe: Ich denke, dass MMM in den letzten Jahren gute Fortschritte gemacht hat. Es wird von den Menschen seltener fälschlicherweise als Foto- oder Näh-Challenge angesehen (die täglichen Outfits zu fotografieren ist ABSOLUT OPTIONAL) und es geht darum, das zu schätzen, was man bereits gemacht hat, anstatt mehr und mehr Selbstgemachtes einfach nur zum Selbstzweck anzuhäufen). Da das Versprechen personalisiert ist, können die Menschen Jahr für Jahr die Besonderheiten ihrer eigenen Herausforderung ändern, so dass Sie mit Me Made May nie fertig werden. Zumindest gilt das bis sie einen Punkt erreichen, an dem Sie mit Ihrer Beziehung zu Ihrer handgefertigten Garderobe völlig zufrieden sind.

LMV: Ich hoffe, dass wir alle eines Tages an diesen Punkt kommen. Vielen Dank für deine Zeit, Zoe!

Lies den Blog von Zoe über http://sozowhatdoyouknow.blogspot.com und folge ihr auf Instagram über @sozoblog.

Weitere Infos über Me Made May findest du hier.